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last update | 03.09.2010

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Tagebuch

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30.11.2006 | Todesnähe

“Ah, well, then I suppose I shall have to die beyond my means”, sagte Oscar Wilde, kurz bevor er im besten Zimmer des Hôtel d'Alsace in Paris am heutigen Tag im Jahr 1900 starb. Über seinen Möglichkeiten, weil er seit seinem Gefängnisaufenthalt finanziell am Ende war. Der Hotelbesitzer ließ ihn kostenlos bei sich wohnen und gab ihm – neben dem besten Zimmer – auch die besten Speisen und Getränke. Ein anderer oft zitierter letzter Satz Wildes ist “My wallpaper and I are fighting a duel to the death. One or other of us has got to go.“ Soviel Sinn für Ästhetik im Angesicht des Todes, bewundernswert.
Das Hôtel d'Alsace heißt heute L’Hôtel und vermietet Wildes Sterbezimmer für viel Geld an morbide Touristen, wohl um die Unkosten, die er damals verursachte, wieder reinzubekommen. Nun ist mir ja bekannt, dass Menschen zu Gräbern pilgern, um ihren verstobenen Heroen die letzte Ehre zu erweisen, und ich weiß auch, dass man hübsche Plaketten an den Orten anbringt, wo jemand Berühmtes zu Tode gekommen ist. Auch da drücken sich Touristen gerne herum. Seltsam interessant allerdings finde ich das Verlangen, mehrere Nächte in dem Zimmer zu verbringen, in dem jemand gestorben ist. In vollem Bewusstsein, dass hier jemand gestorben ist. Mit der Vorstellung des Todes dessen, der hier gestorben ist, vor Augen.
Mein Vorschlag wäre eine Art Todeseventtourismus einzuführen. Bungeejumping von einer Seine-Brücke (Paul Celan-Style). Sich mit Platzpatronen in New York vor dem Dakota Building beschießen lassen (John Lennon-Style). Küche mit Gasgeruch in einer Wohnung in Primrose Hill, London (Sylvia Plath-Style).
Nein? Keine Marktlücke?
Und da Oscar Wilde eine unerschöpfliche Quelle an großartigen Zitaten ist, schließen wir auch mit seinen Worten: “One can survive everything, nowadays, except death, and live down everything except a good reputation.“

29.11.2006 | Wunschdenkenblockade

Heute wird’s aus aktuellem Anlass esoterisch (und ich verspreche, nur heute!): Kann man mit seinen Gedanken Dinge blockieren, und zwar irgendwie immer nur die Dinge, die man sich ganz arg wünscht?
Das berühmteste Phänomen ist doch das Warten auf einen Anruf von DEM Mann. Der ruft garantiert nicht an, solange man drauf wartet. Sicher aber dann, wenn man ausnahmsweise gar nicht dran denkt. Das ist, wenn man auf dem Klo sitzt. Oder an der Supermarktkasse mit Bezahlen dran ist und alle starren einen an und man traut sich nicht ranzugehen.
E-Mails: Dasselbe. Man kontrolliert alle zwei Minuten, ob man noch Verbindung zum Netz hat. Ob der Server nicht vielleicht doch abgestürzt ist. Schickt Mails an sich selbst. Dann schläft man irgendwann ein und schwupp – die Mail ist da.
Mein Papa zum Beispiel hat mich zum Fußball irgendwann nicht mehr mitgenommen, weil die Mannschaft, zu der ich gehalten habe, garantiert verloren hat. Kaum war ich weg, spielten sie wie junge Götter und schossen ein Tor nach dem nächsten.
Oder als der erste Film, an dem ich mitgearbeitet hatte, ausgestrahlt wurde. Ich saß vorm Fernseher, viertel nach acht, die Nachrichten waren vorbei und es kam – sekundenlang Schwarzbild. Das passiert der ARD sonst eher nie.
Mein Computer ist schon zwanzig Mal in einer halben Stunde abgestürzt, weil ich unbedingt über Livestream ein Interview mit mir hören wollte.
Die Reihe ist beliebig fortzusetzen.
Ein aufmerksamer Freund (hi, Marcus!) schenkte mir mal ein winziges, kitschiges Büchlein, in dem es um Bestellungen beim Universum geht. Da ist beschrieben, wie man sich neue Jobs wünscht, oder Parkplätze, oder überhaupt, wie man wünscht. Nichts für mich, dachte ich. Ich muss ja wissen, wie ich ent-wünsche. Die ganze Wünscherei blockiert ja nur alles.
Doch heute stieß ich bei einer völlig anderen Recherche auf die Theorie hinter dem Buch. Sinngemäß: Nordamerikanische Indianer… blabla… dankbar sein für das, was man schon hat… blabla… zu starkes Wünschen verstärkt die Abwesenheit dessen, was man sich wünscht…
Aha.
Sollte also wirklich etwas dran sein, frage ich mich, und muss bei weiterer Recherche sehen, dass die Autorin des Büchleins, Bärbel Mohr, mittlerweile damit einen Megabestseller gelandet hat, der auch in Großbritannien und den USA reißenden Absatz findet. Glaubt man’s denn? Die Frau weiß, wie man sich Sachen wünscht.
Ich weiß es nicht. Ich übe noch.
Und bis dahin blockiere ich fröhlich weiter mein E-Mail-Postfach und bleibe Fußballereignissen fern.
Kopfschüttelnd verabschiedet sich in die Nacht:
die von nun an hoffentlich wunschlos glückliche Autorin.

28.11.2006 | Dämonen

Die St. Andrews Kirche in Croydon, das ist im Süden Londons. Heute vor sieben Jahren. Die katholische Gemeinde ist versammelt und hingebungsvoll in Gesang vertieft, als ein nackter Mann herein gerannt kommt.
Nackt? Nicht ganz nackt. Er trägt immerhin ein Samuraischwert mit einer fast einen Meter langen Klinge. Ist doch schon mal was. Was tun die braven Katholiken? Ihren Blick abwenden, klar, aber außerdem schreien sie und rennen durcheinander und wissen nicht, was tun, als der Nackte anfängt, mit dem Schwert unsachgemäß herumzufuchteln.
Und jetzt wird es spannend: Zwei Männer stellen sich ihm in den Weg. Der eine reißt ein Kruzifix vom Altar und schleudert es dem Angreifer ins Gesicht. Das stört den Nackten kein bisschen. Der andere, von Beruf Polizist und ab jetzt gleich Held, hat mehr Glück. Er bricht eine der Orgelpfeifen ab und zieht dem Schwert schwingenden Kerl eins über.
Tolles Bild, oder?
Der nackte Mann wird später vor Gericht sagen, er wollte niemanden von der Gemeinde angreifen. Er wollte nur die Dämonen vertreiben.
Dämonen versucht auch Ian Rankins Kommissar John Rebus in Edinburgh immer wieder zu vertreiben. Allerdings mit deutlich konventionelleren Methoden, nämlich mit Alkohol. Viel. Alkohol. Gerade in „Let It Bleed“, wo Rebus transparenter ist als in allen Romanen zuvor. Da liegt er schwer verwundet im Krankenhaus, hilflos, isoliert und suizidal. „Let It Bleed“ ist auch der Titel der Rolling Stones-Platte, die heute vor siebenunddreißig Jahren erschien. Die mit „Gimme Shelter“ und „You Can’t Always Get What You Want“. Eines ihrer besten, dunkelsten, dämonischsten Alben. Das letzte, auf dem der schwer drogen- und alkoholabhängige Brian Jones noch zu hören ist. Er starb wenige Monate vor der Veröffentlichung im Alter von siebenundzwanzig Jahren in seinem Swimming Pool und war bereits bei den Aufnahmen nicht mehr richtig dabei gewesen. Wenn Jones mal kein Dämon für die Rolling Stones war (ist?)…
Aber bei Tageslicht sieht bestimmt wieder alles besser aus.
Na los, erzählt mir was über Eure Dämonen!

27.11.2006 | Die Bestsellerformel

„Schreib doch mal so nen Bestseller“, sagt mein Papa immer. „Das machen andere doch auch.“
Ach was.
Da ich zu den Menschen gehöre, die ihr Leben lang mit dem Versuch beschäftigt sein werden, von den Eltern eingepflanzte Neurosen und Psychosen loszuwerden und immer noch nicht gelernt haben, dass man in fortgeschrittenem Alter nicht mehr allzu viel auf Papas Gerede geben sollte, weil man doch verdammt noch mal erwachsen ist und sein eigenes Leben viele hundert bis tausend Kilometer von zu Hause hat, da ich also überhaupt keine Ausnahme auf diesem Gebiet bin, nehme ich Papas Äußerung latent beleidigt nicht nur zur Kenntnis, sondern überlege tatsächlich, ob es nicht doch sein könnte, dass ich irgendwas falsch mache. Schließlich habe ich seit 31 Jahren das Gefühl, irgendwas falsch zu machen, wenn ich ihm begegne.
Die Bestsellerformel. Ich suche sie. Und siehe da, ausgerechnet P.M. bietet sich an, mir zu helfen. Die Dezemberausgabe textet etwas von „Kampf zwischen Disziplin und Chaos“, wobei sie sich auf Perlentaucher bezieht, und vergleicht Schiller mit Kafka. Schiller, das Muster an Selbstdisziplin. Morgens um fünf stand er auf, plante seine Stücke bis ins Detail, schrieb regelmäßig. Kafka, der Höhlenbewohner, der monatelang Schreibhemmungen hatte, um dann plötzlich in nächtelangen Kreativitätsattacken alles auf einmal rauszulassen.
Gut. Wieder was gelernt, nämlich, dass ich nie sein werde wie Schiller, mich durchaus aber aufführe wie Kafka, nur heißt das noch lange nicht, dass ich auch schreibe wie er oder am Ende noch an seinen Erfolg herankomme. Beileibe nicht.
Bringt also doch nicht soviel, die Bestsellerformel. Aber wenigstens hat P.M. der neuen Ausrichtung, wie sie es am Telefon nannten, als sie mir ein Abo aufdrücken wollten, Genüge getan: Mehr Kultur. Knapp eine halbe Seite füllt dieser so erleuchtende Artikel über Schiller und Kafka mit erschreckend hässlicher Riesenfotomontage der beiden, und der Rest der Seite ist eine als redaktioneller Beitrag getarnte Werbung für einen Feng-Shui-Park im Bayerischen Wald.
Danke, P.M. Endlich weiß ich mehr. Nämlich wo Papa seinen nächsten Urlaub verbringen sollte.

26.11.2006 | Sexuelle Energien

Der als Lewis Carroll bekannte englische Kinderbuchautor hieß im wirklichen Leben Reverend Charles Lutwidge Dodgson und lehrte Mathematik am Christ Church College in Oxford (nicht Oxford, Ontario oder so was, nein, DAS Oxford). Wir kennen ihn, weil er uns die wunderbare „Alice in Wonderland“ schenkte. Und nun kommt das große Mysterium. Lewis Carroll, oder vielmehr Reverend Dodgson, so sagt die Sekundärliteratur, könnte ein Pädophiler gewesen sein. Der begeisterte Fotograf nahm zum Beispiel gerne kleine nackte Mädchen als Modell. Und damit nicht genug. Als er am Christ Church College einen neuen Dekan bekam, der mit Frau und Kindern Einzug hielt, verbrachte Reverend Dodgson viel, viel Zeit mit ihm und seiner Familie. Besonders viel Zeit allerdings mit dessen Tochter Alice. Der kleinen Alice erzählte er ganz erstaunliche Geschichten über eine Alice, die seltsame Abenteuer erlebte. Und die echte Alice, ich glaube, sie war elf, quengelte so lange, bis Reverend Dodgson einwilligte, die Geschichten zu Papier zu bringen. Handschriftlich und mit Illustrationen versehen.
Im November 1864 schickte er das Manuskript an die kleine Alice.
Und dieser Zeitraum ist es, der die Biographen so beschäftigt. Da fehlen Seiten aus Dodgsons Tagebüchern. Da wird er nicht ordiniert, obwohl es die College-Ordnung so vorsieht und sein Dekan, der Vater der kleinen Alice, ihm mit Rauswurf droht, wenn er nicht spurt. Da willigt der Dekan kurz darauf plötzlich ein, Reverend Dodgson gegen jede Regel nicht zu ordinieren. Dodgson selbst schreibt an manchen Stellen seiner Tagebücher, er sei ein großer Sünder. Der Kontakt zu Alice und ihrer Familie bricht bald ab.
Raum für Spekulationen, oder?
Was also, wenn eines der berühmtesten Kinderbücher von einem Pädophilen stammt? Der Geniales geleistet hat, weil er seine sexuellen Energien nicht ausgelebt, sondern kreativ genutzt hat?
Oh, unser Gewissen…

25.11.2006 | Hier kommt Alex...

Heute lernen wir, wie ein weltberühmter Roman nur durch einen Gehirntumor entstehen konnte.
„Clockwork Orange“ kennen wir alle, entweder, weil wir den Kubrick-Film sahen, weil man uns mit der Reclam-Ausgabe in der Schule drohte oder weil unsere Geschwister „Ein kleines bisschen Horrorshow“ von den Toten Hosen hörten. Geschrieben hat den Roman Anthony Burgess, dem man im Alter von 42 Jahren einen unheilbaren Gehirntumor diagnostizierte. Dieser Gehirntumor – oder besser die Nachricht, dass es ihn gab – ließ den damaligen Lehrer seinen Job schmeißen, damit er sich ganz dem Schreiben widmen konnte. Warum noch mit den verzogenen Gören quälen, wenn ich eh bald sterbe, wird er sich gedacht haben. Veröffentlichte einige bemerkenswerte Bücher, um dann recht zügig mit „Clockwork Orange“ den Wahnsinnshit zu landen. Vielleicht dachte er nun: Supersache, kurz vorm Ableben noch mal so richtig Gas gegeben. Endlich unsterblich.
Wie man’s nimmt.
Denn der Mann lebte noch eine ganze Weile. Er wurde 76 Jahre alt. Starb da nicht etwa an seinem Gehirntumor, sondern an Lungenkrebs. Hatte ein beeindruckend umfangreiches Œuvre, tolle Sachen darunter. Anspruchsvolles, Aufrüttelndes, Eindringliches, Intelligentes. Booker-Prize-Nominierung gar.
Aber jeder kannte nur „Clockwork Orange“.
Geflucht hat er, noch auf dem Sterbebett, heute vor 13 Jahren. Gewünscht hat er sich, er hätte es nie geschrieben.
Deshalb sollten wir auch mal was anderes von ihm lesen. Wie wäre es mit „Nothing Like the Sun“, eine Art Burgess’sche Version von „Shakespeare in Love“?
Und dazu hören wir Moloko. Denn das ist der Name der Milchbar in „Clockwork Orange“, richtig?
Ich hör ihn schon wieder fluchen.

23.11.2006 | Die Schönheit der Poesie

Emily Dickinson ist für mich die ideale Verkörperung der genialen Poetin. Hätte es sie nicht in Wirklichkeit gegeben, man hätte sie früher oder später erfinden müssen.
Zurückgezogen lebte sie in ihrem Geburtsort Amhurst, den sie, wenn ich mich recht erinnere, so gut wie nie verließ.
Später verließ sie nicht einmal mehr ihr Zimmer. Es heißt, sie hätte, wenn Besuch kam, die Tür zu ihrem Zimmer angelehnt gelassen, um mit dem Besucher reden zu können, hätte aber weder ihr Zimmer verlassen, noch jemanden in ihr Zimmer gebeten.
Zu Lebzeiten wurden nur sehr wenige ihrer Gedichte der Öffentlichkeit bekannt. Ihr umfangreicher Nachlass erschien postum, allerdings stellt er die Herausgeber bis heute vor so manche Schwierigkeit, da sie oft mehrere Versionen der Gedichte hinterlegte, so dass unklar ist, bei welcher es sich um die Endversion handelt.
(Braucht es eigentlich eine Endversion? Immer dieser Unumstößlichkeitsanspruch der Literaturwissenschaftler.)
Über Emily Dickinson wird viel spekuliert: War sie agoraphob oder nur soziophob? Homo- oder bisexuell? Was bedeutete ihre Vorliebe für weiße Kleidung?
Sicher ist, sie schrieb hervorragende Gedichte. Besser und moderner als, sagen wir, Wordsworth.
Wie ich darauf komme? Weil Paul Celan heute 86 geworden wäre, hätte er nicht schon 1970 durch einen voll beabsichtigten Sprung in die Seine das Zeitliche gesegnet. Paul Celan übersetzte ihre Gedichte auf ganz – und das sage ich, als Anglistin – bemerkenswerte Weise.
Auch seine Gedichte sind bemerkenswert, wie die „Todesfuge“. Der Jude Celan überlebte nämlich das KZ. Und er schrieb: „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland“.
Der Spiegel titelt diese Woche: „Die Deutschen müssen das Töten lernen.“
Wir haben viel zu lesen, dieser Tage.

22.11.2006 | Der Alkohol und die Autoren

Da fallen uns doch gleich unzählige Beispiele zum Thema ein, nicht wahr?
Edgar Allan Poe, den man in Baltimore delirierend in der Gosse aufgabelte, nachdem Wahlschlepper - damals völlig üblich - den notorischen Quartalssäufer mit noch mehr Alkohol abgefüllt hatten, um seine Stimme zu bekommen. Drei Tage später starb er im Krankenhaus, immer noch delirierend.
Oder E.T.A. Hoffmann, über den ich schon Literaturwissenschaftler munkeln hörte: "Der war im Suff am Besten. Was er nüchtern geschrieben hat, ist unlesbar." (Wer hat das gesagt? War ich das am Ende?) Aber um die beiden soll es gerade gar nicht gehen.
Es geht nämlich um Jack London, einen der produktivsten Alkoholiker - tschuldigung: Schriftsteller des vergangenen Jahrhunderts. Er hatte einen enormen Output an Literatur und war noch vor seinem 30. Geburtstag mit Werken wie "Ruf der Wildnis" und "Der Seewolf" richtig dick erfolgreich. (Lieber Systemadministrator, könntest Du bitte das Geburtsdatum aus meiner Vita... Danke.) Was viele nicht wissen und was ich nun gerüchteweise verbreite: London hatte zwar viele prima Ideen, schaffte es aber angesichts seiner schweren Alkoholsucht nicht immer, die Geschichten kohärent zu erzählen. Oder kohärent abzugeben. Jedenfalls hatte sein Lektor stets Wochen allein damit zu tun, das Manuskript sinnvoll zu ordnen.
Jack London beschreibt seine Sucht für jeden nachlesbar in "John Barleycorn".
An dieser Stelle ziehen wir den Hut vor dem mir namentlich nicht bekannten Lektor und gedenken Londons, den erklärten Befürworter der Prohibition, der sich heute vor neunzig Jahren zu Tode gesoffen hat. Ob beabsichtigt oder weil es eben so kam, wie es kam, darüber streitet man sich immer noch.
Ich geh dann mal den Laphroaig entkorken. Ist ja erst vier.

20.11.2006 | Faulheit und Talent

Gestern schrieb mir jemand, es sei doch schön, wenn ich an den Todestag von Franz Schubert erinnern könnte. Nur leider habe ich keinen Bezug zu Schuberts Musik. Das liegt an meinem russischen Klavierlehrer, der der Meinung war, alles, was mit „Schu-“ beginne, sei es nicht wert, gespielt zu werden.
Das ist mal eine klare Aussage. Dem Mann war es nicht gegeben, politisch korrekt zu sein. Ich mochte ihn sehr.
Heute ist wieder ein Todestag, diesmal der von Anton Rubinstein. Nicht der polnische Pianist, der ungefähr ein Drittel aller Noten bei seinen Konzerten hat unter den Flügel fallen lassen. Nein, das ist Arthur Rubinstein.
Anton Rubinstein war ein russischer Ausnahmepianist und Komponist, geboren 1829 im heutigen Moldawien. Mit neun Jahren ging er schon auf Europatournee, und Franz Liszt jubelte ihm zu. Auf seiner Abschiedstournee verausgabte er sich mit seinem mehrstündigen Programm so sehr, dass er am Flügel ohnmächtig wurde. 1894 starb er dann in St. Petersburg.
Warum Rubinstein? Weil er auch vom Vergessenwerden bedroht ist. Siehe unten.
Eins hat er übrigens mit seinem Namensvetter Arthur gemeinsam: Beide waren angesichts ihres überragenden Talents angeblich stinkfaul. Arthur Rubinstein fing erst so mit 50 an, etwas mehr als eine halbe Stunde am Tag zu üben, weil er merkte, dass er allein mit Talent nicht mehr ganz so weit kam wie früher, und Anton brachte es zwar zu einem umfangreichen kompositorischen Oeuvre, diesem fehlt jedoch der letzte Schliff einer kritischen Überarbeitung, die die Stücke ins Geniale hätte heben können, was – laut auf Wikipedia zitierten Kritikern – einer der Gründe ist, warum er in Vergessenheit geriet.
Arthur hatte wenigstens einen Haufen lustiger Anekdoten auf dem Weg in die Unsterblichkeit. Eine davon erzählte mir mein Lehrer gerne, da war ich noch ganz winzig.
Arthur Rubinstein zeigte dem Publikum vor dem Konzert die vielen Diamantringe an seinen Fingern und sagte: „Das haben Sie bezahlt!“
Ich schreib dann mal weiter. Aber erst fahr ich meinen Bentley in die Garage. Sowas mach ich gerne selbst.

17.11.2006 | Wir vergessen.

Immer wieder passiert es, dass großartige Menschen in Vergessenheit geraten. Einer der besten deutschen Satiriker und Dramatiker zum Beispiel, Curt Goetz. Brillant als Schauspieler - er debütierte in Rostock 1907 - und Regisseur, besonders aber als Autor. Wilde kann er locker das Wasser reichen. Sogar Shaw. Den Nazis hat er in seinen Dialogen, die er in den 30er Jahren für manche Filme schrieb, die Meinung gesagt, Lacher beim Publikum und Ärger von den Machthabern dafür kassiert.
1938 emigrierte er erst in die Schweiz, dann nach Amerika, wo er bei MGM unter Vertrag genommen wurde und meisterhafte Stücke wie „Das Haus in Montevideo“ schrieb. Die Verfilmung von 1951 mit ihm in der Hauptrolle ist bis heute einer meiner Lieblingsstreifen.
Seine erste Regiearbeit legte er übrigens nicht erst 1938, wie oft behauptet wird, sondern bereits 1923 vor: mit dem Stummfilm „Schiller – Eine Dichterjugend“.
Der Schillerfilm galt lange als verschollen, bis ihn in mühevoller Kleinstarbeit der ebenfalls großartige Horst Jaedicke, dem ich persönlich vieles zu verdanken habe, wieder auftrieb, entstaubte und herrlich im Schillerjahr vorführte, mit neuer Musik und neuen Farben. Mittlerweile ist dieser Film sogar auf DVD zu bekommen.
Curt Goetz hätte heute Geburtstag.
Schade, dass ihn nur noch so wenige kennen.
Lassen wir ihn daher selbst zu Wort kommen: "Idealismus ist die Fähigkeit, die Menschen so zu sehen, wie sie sein könnten, wenn sie nicht so wären, wie sie sind."
Schön, oder?

15.11.2006 | Der fröhliche Freiberufler, Teil 1

4:30 Arbeitsende. Schlafen gehen.
9:00 Telefon. Wer weiß nicht, dass ich nachts arbeite? Papa.
9:14 „The Lighthouse“ von P.D. James lesen, in den vergangenen Tagen ein Garant für sofortiges Einschlafen. S. 350.
9:59 Wider Erwarten wurde „The Lighthouse“ auf S. 351 spannend. Kein Schlaf, dafür Buch fertig.
10:00 Wohlgemuter Gang zur Badewanne endet im Frust. Warmwasser ist abgestellt.
10:02 Vermieterin entschuldigt sich: „Wir hatten einen Rohrbruch heute morgen. Ich dachte, Sie schlafen immer bis 12, da hab ich Sie nicht angerufen…“
10:03 Mittagstermin verschieben (da hat man EINMAL einen Termin…)
10:05 Überraschungseffekt ausnutzen und verblüffte Produzenten auf Zahlungsrückstände aufmerksam machen. („Was denn, Du um diese Zeit? Da schläfst Du doch noch?“)
10:30 Agentin anrufen, um sie vollzuheulen. Agentin nicht da. Die Assistentin sagt: „Schlafen Sie nicht jetzt normalerweise noch?“
10:31 Schlechte Laune.